Betrifft St.Gallen: Das grosse Staunen

Dieser Artikel bringt Licht ins St.Gallener Dunkel!

Nach zwölf Jahren Planungszeit war gestern der grosse Tag: 3000 Besucherinnen und Besucher eroberten «ihr» neues Naturmuseum in St. Gallen. Direktor Toni Bürgin ist aufgeregt und gespannt, wie sein «Lebenswerk» ankommt.

ST.GALLEN. Das Museum ist noch gar nicht offen, und schon muss man Schlange stehen. Eine grosse Menschentraube wartet vor dem Eingang, auf dass der Tag der offenen Tür endlich beginnt. Drinnen machen sich die 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bereit. Und dann öffnet der Security-Mann die Glastür. Die Museumsbesucher fluten hinein. Wo sind die Garderoben? Wo geht’s zur Ausstellung? Und wo steht der Dinosaurier?

Die Menge wird von den Museumsleuten empfangen und geleitet. Ratzfatz sind alle 70 Garderobenschränke belegt. Zwei Polizistinnen spähen herein. Kurz einen Blick erhaschen, wie sieht es denn aus, im neuen Museum?

An diesem Eröffnungswochenende ist allerdings einiges ein wenig anders. Im Erdgeschoss sitzen die Tierpräparatoren an einem Tisch und lassen sich bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen. «Was ist das für ein Vogel?», will ein Bub wissen. «Ein Uhu», antwortet Lorenzo Vinciguerra. «Und was machen Sie mit dem Pinsel?», fragt der Neunjährige. «Ich behandle alle Federn mit einem Konservierungsmittel», sagt der Experte, während sein Kollege Jarno Kurz ein Hermelin präpariert.

Man hat den Eindruck, die Museumsangestellten freuen sich, dass sie nun endlich, endlich ihr neues Haus zeigen dürfen. Und dass so viele Besucher das Museum in Beschlag nehmen.

Mittendrin im Gewusel steht Toni Bürgin. Der Museumsdirektor ist stolz wie ein Schneekönig. Zwölf Jahre dauerte die Planung. Nun ist er gekommen, der grosse Tag. Aufgeregt ist Bürgin auch. Wie wird sein Museum ankommen? «Man weiss nicht, was einen erwartet», sagt Bürgin, während um ihn zig Besucher, Gross und Klein, Alt und Jung, die neue Ausstellung begutachten. «Aber ich war überzeugt, dass das neue, moderne Haus Publikum anzieht.»

Das tut es. Und das Publikum geht neugierig und begeistert auf Entdeckertour. Schon in der Museumscafeteria werden Objekte bestaunt. «Da hängt ja ein Kugelschiff», ruft ein Knirps. «Nein, ein Kugelfisch», verbessert seine Mutter lachend. Ihr gefällt das neue Naturmuseum ausgesprochen gut. «Der viele Platz, den die Ausstellungsstücke haben, und die Ausstellung selber ist einmalig.»

Wen wir auch fragen, alle sind begeistert: «Viel besser als das alte Museum» – «heller, moderner» – «die Ausstellung wird gut präsentiert» – «ganz phantastisch» – «toll für Kinder, man darf so viel anfassen und ausprobieren» – «beeindruckend» – «unglaublich» – «überwältigend».

Aug in Aug mit Braunbär, Wolf und Luchs

Toni Bürgin freut sich mächtig über die vielen positiven Rückmeldungen. Doch ganz legt sich seine Nervosität trotzdem nicht. «Heute ist der erste Tag, wir müssen schauen, ob alles wirklich funktioniert oder <Kinderkrankheiten> auftauchen.» Er flaniert durch sein Museum. Und ist fast ein bisschen berauscht ob der Glücksgefühle. Denn: «Es ist eine einmalige Sache, als Museumsdirektor ein neues Haus eröffnen zu dürfen.» Das neue Naturmuseum, es ist sein Lebenswerk. Und wie ein stolzer Vater nach der Geburt treibt es Bürgin durchs Museum, treppauf, treppab, von den Dinosauriern runter zum Relief, durch den Bärenwald und wieder hinauf zu den Mineralien.

Auch wir lassen uns durch die Ausstellung treiben, halb mitgezogen vom Besucherstrom, der sich unablässig durch die Räume wälzt. Von der Cafeteria geht es hinauf in den Bärenwald. Auge in Auge steht man Braunbären, Wolf und Luchs gegenüber. «Nein, die darf man nicht anfassen», weist eine Aufseherin allzu forsche Besucher zurecht. «Mami, lueg, da klettert ein Eichhörnchen», ein kleines Mädchen zupft aufgeregt seine Mutter am Ärmel.

Und wirklich, überall gibt es etwas zu entdecken. Die Ausstellungsstücke sind nicht in Vitrinen versteckt, man spaziert vielmehr mitten durch die Ausstellung. Und kann viel ausprobieren. Wie heult der Wolf? Wie brummt der Bär? Wie riecht der Waldboden? Wie fühlen sich Ahornsamen an? Wie sehen die verschiedenen Tannenzapfen aus? Man kann Tierfelle streicheln («Ist das ein Hasenfell?», fragt ein Bub. Der Vater muss nachlesen: «Nein, von einem Luchs.»), mit Taschenlampen die Bärenhöhle ausleuchten, in einer Leseecke mit Teddybären in Bilderbüchern schmökern und natürlich die Waldameisen beobachten. «Wie haben sie die bloss gezügelt», wundert sich ein Bub. Toni Bürgin weiss die Antwort: «Ganz profan in Plastiktüten.» Es ist dasselbe Ameisenvolk wie im alten Museum, der Ameisenhaufen ist noch etwas klein. Begeistert beobachten zwei Buben, wie emsig am Ameisenbau gearbeitet wird. «Schau mal, die trägt einen Zweig!»

«Boah, da laufen Mammuts durchs Rheintal!»

Nebenan, im Raum für Sonderausstellungen, wird gemalt und gepuzzelt, später gibt es ein Konzert. Kaum jemand posiert für ein Selfie mit dem extra plazierten Elchkopf, zu viel gibt es zu entdecken. Der grosse Publikumsmagnet wartet eine halbe Treppe höher: das grosse Relief der Ostschweiz. 37 Quadratmeter, vom Bodensee bis zum Ringelspitz, jeder Hügel, ja sogar fast jedes Haus scheint nachgebildet. Schnell spricht sich herum, dass man unbedingt einen Blick durch die drei Fernrohre werfen sollte. «Boah, da laufen Mammuts durchs Rheintal, und es schneit», ruft ein Mädchen. Tatsächlich, die Fernrohre sind interaktiv. Je nachdem, wohin man auf dem Relief durchs Fernrohr schaut, sieht man Filmszenen, die sich über die Landschaft legen. An der Wetterstation auf dem Säntis hängt eine Frau Wäsche auf, in den Churfirsten werden junge Steinböcke geschöppelt, am Calanda zieht ein Rudel Wölfe durch den Wald.

Auch um das Relief herum gibt es viel zu sehen. Die einheimische Tierwelt mit Fischen («Mama, was ist das für ein Hai?»- «Ein Wels.»), Vögeln, Bibern, Wild. Sogar echte Spitzmäuse, Eidechsen und Laubfrösche sind in Terrarien untergebracht. Und lassen den Besucherstrom stoisch an sich vorbeiziehen.

Es gibt noch mehr zu erkunden im Museum. «Ganz oben ist es wie in einem Experimentierlabor», sagt ein Bub. Er bestaunt die interaktive Erdkugel. «Schau mal, so sah die Welt vor 280 Millionen Jahren aus.» Nebenan kann man mit einem Aufzug ins Innere der Erde reisen. Der Hingucker im obersten Stockwerk sind die Dinosaurier. Ein Teenager steckt seinen Kopf in das aufgerissene Maul der Königsechse, sein Kollege macht kichernd ein Foto. Weiter geht es zu den Mineralien, zu «Die Natur als Vorbild» mit vielen Mitmachstationen und zur Umweltschutzausstellung.

Beeindruckende Vielfalt. Und doch zu viel, um alles auf einmal aufzunehmen. Dabei zeigt Toni Bürgin nur ein Prozent der Sammlung. 2000 bis 3000 Ausstellungsstücke sind aktuell zu sehen, schätzt er. Der Rest lagert im Depot.

«Wir kommen sicher wieder, um uns in Ruhe alles anzuschauen», so der Tenor aller Besucher, die wir fragen.

Für Toni Bürgin scheint sich ein Wunsch zu erfüllen: Am Vormittag hatte er gehofft, an den beiden Tagen der offenen Tür neue Freunde für das Museum zu gewinnen. Bis gestern Abend besuchten 3002 Personen sein Haus, zählten die Einlassdamen mit dem Klicker in der Hand. «Das Museum hat die Feuertaufe mit Bravour bestanden», sagt Bürgin am Abend. Glücklich, aber auch etwas müde. «Die Stimmung war so gut, es kamen so viele Besucher, die Rückmeldungen waren positiv bis euphorisch.» Und alles hat geklappt. Zwar hielt die Kurbel, mit der man den Nashornkopf drehen kann, der Belastung nicht stand. «Sonst gab es keine Zwischenfälle.» Aufmerksame Besucher meldeten einige wenige Druckfehler, «aber das sind Peanuts, das werden wir in den nächsten Tagen ausbessern.» Toni Bürgin und sein Museum, sie sind bereit für den heutigen zweiten Eröffnungstag. Und dann kann der Museumsalltag kommen.


Hier: ZUR SPANNENDEN QUELLE Das grosse Staunen

http://www.tagblatt.ch/4821757Das grosse Staunen

Sehr gut und kompakt geschriebener Text. Ein spannendes Thema gebührend beschrieben.

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