Aus St.Gallen – aktuelle Neuigkeit: Krankenkassenprämien: Auf dem Land zahlt man drauf

Sehr fundierter Bericht, die Lesezeit ist gut investiert.

Im Kanton St. Gallen sollen die Prämienregionen neu eingeteilt werden. Der Vorschlag des Bundes verursacht rote Köpfe.

ST.GALLEN. Krankenkassenvorlage mit Zündstoff: Die Zuteilung der Prämienregionen soll künftig nach Bezirken erfolgen – und nicht wie bisher nach Gemeinden. Dies schlägt das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) in einer Verordnung vor, die sich momentan bei den Kantonen in der Vernehmlassung befindet. Zweiter Kernpunkt des Dokuments ist eine Reduktion der Prämienregionen in einzelnen Kantonen. Für den Kanton St. Gallen hiesse dies: Zwei statt drei Prämienregionen. Grund ist die Entwicklung der Gesundheitskosten. «Die Kosten für Leistungen aus der obligatorischen Krankenversicherung in den Gemeinden haben sich in den vergangenen Jahren so weit angenähert, dass drei Prämienregionen nicht mehr zu rechtfertigen sind», sagt Peter Altherr, Leiter des Amts für Gesundheitsversorgung im Kanton St. Gallen.

Gemäss neuer Verordnung wären im bevölkerungsreichsten Ostschweizer Kanton die Gemeinden der Bezirke St. Gallen, Rorschach, See-Gaster, Werdenberg und Wil der teureren Prämienregion A zugeteilt. Die Bezirke Toggenburg, Sarganserland und Rheintal würden der Region B zugeteilt werden. Die übrigen Ostschweizer Kantone wären von den Änderungen nicht betroffen, weil diese nur über eine Prämienregion für den ganzen Kanton verfügen.

Ländliche Gemeinden werden stärker belastet

«Die Reduktion der Prämienregionen und die Einteilung nach Bezirken würde zwangsläufig zu Prämienanpassungen in den einzelnen Gemeinden führen. Das Prämienvolumen sollte insgesamt aber gleich bleiben», sagt Altherr. Konkret lässt sich dies am Beispiel des Bezirks St. Gallen illustrieren. Versicherte in den Gemeinden St. Gallen, Gaiserwald und Gossau, die bisher der Prämienregion 1 angehörten, dürften bei Umsetzung der vorgeschlagenen Massnahme begünstigt werden. In den Gemeinden, die bisher der Prämienregion 2 angehörten, dürften die Prämien hingegen stärker steigen. Betroffen wären die ländlichen Gemeinden Andwil, Waldkirch, Wittenbach, Mörschwil, Eggersriet, Berg, Häggenschwil und Muolen. Obwohl sich die Verordnung erst in der Vernehmlassung befindet und noch nichts in Stein gemeisselt ist, wird Kritik laut. Mit der Verteilung der Kosten sind längst nicht alle zufrieden.

«Gewinner der Reform wären städtische Gemeinden. Ländliche Regionen haben das Nachsehen», sagt Felix Schneuwly, Kommunikationschef bei Comparis. «Für diese Umverteilung zwischen Stadt und Land gibt es keinen vernünftigen Grund.» Wünschenswert sei eine Einteilung in möglichst kleine Einheiten. «In der Schweiz sind das die Gemeinden. Der Status quo sollte beibehalten werden, wenn es zwischen Gemeinden nicht signifikante Veränderungen gibt.» Problematisch sei laut Schneuwly, dass mit der neuen Verordnung die Eigenverantwortung geschwächt werde. Die Reform eliminiere Anreize für den sorgsamen Umgang mit den Gesundheitskosten, weil Regionen mit einem sparsamen Verhalten die teureren Regionen finanzierten. Deshalb könnte die Reform zu insgesamt höheren Gesundheitskosten führen. Der Bund argumentiert in einer Medienmitteilung, dass eine Abgrenzung nur nach Gemeinden auch willkürlich sein könne. So könne beispielsweise eine Gemeinde mit einem Alters- oder Pflegeheim höhere Gesundheitskosten aufweisen als die Nachbargemeinde, die über keine solche Einrichtung verfügt. Ausserdem erhebe das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Versichertendaten seit 2015 nicht mehr nach Gemeinden, sondern nach Bezirken, um die Anonymität der Versicherten zu gewährleisten. Eine Kostenuntersuchung nach Gemeinden sei folglich anhand der erhobenen Daten nicht mehr möglich.

Branchenverband gegen die neue Regelung

Diese Argumente lässt Schneuwly nicht gelten. «Die Reform hat politische Hintergründe und ist auch auf Druck der städtischen Regionen zustande gekommen.» Das Argument der kleiner werdenden Kostenunterschiede zwischen den Gemeinden und die daraus folgende Notwendigkeit für zwei anstatt drei Prämienregionen bezeichnet er als «Feigenblatt».

Auch Santésuisse, der Dachverband der Krankenversicherer, spricht sich in einer ersten Einschätzung gegen das neue System aus. «Mit der neuen Verordnung werden die am aktuellen System bemängelten willkürlichen Grenzen zwischen den Prämienregionen lediglich durch eine andere willkürliche Grenzziehung ersetzt», sagt Sandra Kobel, Leiterin Abteilung Politik und Kommunikation bei Santésuisse. Zudem werde das Argument der Solidarität überstrapaziert. Die angestossene Umverteilung würde zwar die Versicherten in teuren Regionen zu Lasten der Versicherten in günstigeren Regionen entlasten. Dass diese Form der Solidarität nötig oder gewollt ist, lasse sich jedoch weder aus dem Krankenversicherungsgesetz (KVG) noch aus der politischen Diskussion ableiten. Im Gegensatz zu Alter und Geschlecht sei der Wohnort keine unbestimmbare Grösse.

Der andere grosse Branchenverband curafutura prüft die Verordnung ebenfalls. «Falls wir nach der Prüfung zum Schluss kommen, dass die vorgeschlagenen Anpassungen ungerechtfertigt sind, werden wir uns natürlich wehren», sagt Andrea Arcidiacono, Leiter Kommunikation bei curafutura. Tendenziell stehe man der Neuregelung der Prämienregionen «eher skeptisch» gegenüber. Ignazio Cassis, Präsident von curafutura, rechnet mit grossem politischem Widerstand gegen die vorgeschlagenen Änderungen. Peter Altherr will noch keine Wertung der vorgeschlagenen Änderungen vornehmen, weil sich die Verordnung noch in der Vernehmlassung befindet. «Die abschliessende Kompetenz in Sachen Prämienregionen liegt ohnehin beim Eidgenössischen Departement des Innern», sagt Altherr. Die Vernehmlassung endet Mitte Januar 2017.


Click: zur vollständigen Quelle des Artikels Krankenkassenprämien: Auf dem Land zahlt man drauf

http://www.tagblatt.ch/4802642Krankenkassenprämien: Auf dem Land zahlt man drauf

Klar und deutlich. Guter Artikel welcher der anspruchsvollen Thematik absolut gerecht wird.

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