Aus St.Gallen – aktuelle Meldung: 400 Franken für eine Kuh

Lesenswerter Text zu diesem spannendem Thema aus St.Gallen.

In diesen Tagen kehren die Älpler und Alpbauern im Kanton St.Gallen ins Tal zurück. Die Anzahl Milchkühe in den Hochlagen nimmt ab. Was bleibt, sind das positive Image und der Alpkäse.

ST.GALLEN. Zäunen, Unkraut mähen, Blacken ausstechen, Holz richten: Die Arbeitstage auf der Alp bis zum gemütlichen Hock bei Sonnenuntergang auf dem Bänkli vor der Hütte sind lang. Noch zwei Tage bis zum Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag, wenn die meisten Älpler mit ihren Tieren wieder zurück ins Tal ziehen. Im Kanton St.Gallen aus einem Gebiet, das flächenmässig grösser ist als die Kantone Appenzell Innerrhoden und Schaffhausen zusammen. Der Alpsommer ist vorbei – und damit für Laien ein Stück Bergromantik. Für viele der 3600 Bauernfamilien im Kanton ist das aber eine wichtige Existenzgrundlage: Alpmilch und Alpkäse sind vor allem in den zwei wichtigsten Alpregionen Toggenburg und Sarganserland eine willkommene Einnahmequelle. In der Zeit zwischen Juni und Mitte September ist Chrampfen bei Wind und Wetter und ohne Ferien angesagt. «Aufwand und Ertrag stehen bei der Alpwirtschaft in einem Verhältnis, das wenig Spielraum lässt», sagt Markus Hobi, Leiter des Landwirtschaftlichen Zentrums St.Gallen in Salez.

Schon früh haben die Obertoggenburger begonnen, aus den Alpen Profit zu schlagen: Noch heute ist von Ebnat-Kappel bis Wildhaus die beweidete Alpfläche etwa gleich gross wie die gesamte bewirtschaftete Fläche der Heimbetriebe. In keiner St.Galler Alpregion ist der Anteil der Kühe an gealpten Tieren höher als im Toggenburg. Erstaunlich daher, dass hier nur wenig Milch zu Alpkäse verarbeitet wird. «Eine Stärke aber ist das Sennische, die Alpkultur, die im Toggenburg tief verwurzelt ist», ergänzt Hobi.

Mit dem Verkauf von Milch und Alpprodukten, den Gewichtszunahmen der Aufzuchttiere und Mutterkuhkälber sowie den Entschädigungen des Bundes für gemeinwirtschaftliche Leistungen erwirtschaften die Alpbetriebe im Kanton pro Alpsommer brutto 12 bis 14 Millionen Franken – aus diesem Betrag werden die Kosten für die Betreuung der Tiere auf der Alp, für Energie und die Einrichtung bestritten.

Kanton St.Gallen an sechster Stelle

Mit heute 372 Alpen ist St.Gallen ein klassischer Alpkanton, von der Kleinst- bis zur Grossalp mit mehreren 100 Tieren. Mitte der 1960er-Jahre hatte die Zahl der Alpen mit 435 noch deutlich höher gelegen. Das ist aber lediglich eine statistische Grösse, nachdem das Bundesamt für Landwirtschaft die Abgrenzung zwischen Sömmerungsgebiet und den Heimbetrieben neu definiert hat. «Nur einzelne Alpen haben fusioniert», sagt Hobi. Derzeit erfasst der Kanton zum erstenmal die Weideflächen im Sömmerungsgebiet. Mit 20 254 sogenannten Normalstössen liegt der Kanton St.Gallen national an sechster Stelle – hinter Bern, Graubünden, Waadt, Wallis und Freiburg. Mit den Stössen werden Grossvieheinheiten (Kühe) bezeichnet, die während 100 Tagen gesömmert werden. 2015 wurden 9730 gemolkene Kühe gezählt, zwei Jahre zuvor waren es 10 120 Tiere gewesen.

Zahlen zum Alpsommer 2016 gibt es laut dem Kanton erst im November, «aber die Zahl der Tiere wird sich im Rahmen der Vorjahre bewegen», sagt Roger Peterer, Leiter des kantonalen Landwirtschaftsamtes. Erst seit zwei Jahren wird genau erhoben, wie viele Tiere wie viele Tage auf der Alp gewesen sind – das hat mit den Direktzahlungen des Bundes zu tun, der mit der Agrarpolitik 2014/17 die Sömmerung wieder attraktiver machen will, um den Unterschied zwischen den Tal- und Bergbauern etwas auszugleichen. Die Bauern müssen die Tiere im Heimbetrieb ab- und auf der Alp wieder anmelden, um von den Sömmerungsbeiträgen des Bundes zu profitieren – 2015 immerhin 8,7 Millionen Franken im Kanton. Wer heute Tiere auf einer Alp melkt und sömmert, bekommt 400 Franken pro Kuh ausbezahlt. Auf der Milchkuhalp Precht im Weisstannental, einer von fünf Alpen der Ortsgemeinde Mels, verbringen jeweils 50 Kühe den Sommer. Um den Ganzjahresbetrieben einen Anreiz für die Sömmerung zu geben, wird ein tierbezogener Alpungsbeitrag ausgerichtet. Der Beitrag von 370 Franken pro Normalstoss wird an Talbetriebe ausbezahlt, welche die Tiere zur Sömmerung ins Berggebiet geben. Darüber hinaus gibt es Landschaftsqualitäts- und neu auch Biodiversitätsbeiträge, die der Kanton auf etwas über eine Million Franken pro Jahr schätzt.

Diese Förderbeiträge fliessen allerdings nur für Tiere, die auf Schweizer Boden gealpt werden – das erklärt auch, weshalb immer weniger Landwirtschaftsbetriebe aus dem Kanton St.Gallen ihre Tiere in Vorarlberg sömmern. Im Tuberkulose-Risikogebiet wird gar kein St.Galler Rindvieh mehr gealpt.

Zahl der Milchkühe geht zurück

Trotz der finanziellen Anreize geht die Zahl der Milchkühe auf den St.Galler Alpen zurück, während die Zahl der Mutterkühe mit ihren Kälbern zunimmt. Die Erklärung: Immer weniger Kühe produzieren bei gesteigerter Milchleistung gleich viel Milch. Auf den Alpweiden findet man zunehmend Mutterkühe aller Rassen, welche die fehlenden Jungtiere der Talbauern ersetzen. «Ein Indiz, dass sich die Milchwirtschaft nicht mehr so lohnt wie vor ein paar Jahren noch», erklärt Alpspezialist Hobi. «Wir haben aber immer noch genügend Kühe, im Unterschied zu Alpenländern wie Frankreich oder Österreich, wo die Alpen deutlich schlechter bestossen sind.»


Hier: zum Originalbericht 400 Franken für eine Kuh

http://www.tagblatt.ch/4755229400 Franken für eine Kuh

Gut geschriebener Artikel! Wir wünschen uns mehr Artikel zu diesem Topic!

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s