Aus St.Gallen – topaktuelle News: Angstmacher und Besserwisser

Dieser Artikel bringt Licht ins St.Gallener Dunkel!

ST.GALLEN. Wenn es um die Schule geht, sind nüchterne Debatten ausgeschlossen. Dieser politische Grundsatz hat sich in den vergangenen Monaten einmal mehr bewahrheitet. Seit klar ist, dass das St.Galler Stimmvolk nach 2008 erneut über das Harmos-Konkordat befinden soll, fliegen im Kanton die Fetzen. Eine sachliche Diskussion ist kaum möglich, statt Fakten werden Gerüchte verbreitet, statt Sachlichkeit dominiert Polemik. Ein Stück weit ist das verständlich: Die Schule zählt zu den Pfeilern einer Demokratie. Was dort richtig oder falsch gemacht wird, wirkt sich auf die gesamte Gesellschaft aus. Schulreformen wecken deshalb Ängste. Und wer Angst hat, argumentiert nicht mehr rational. Nur: Von den Harmos-Gegnern werden diese Ängste gezielt geschürt.

Dass Harmos gerade im Kanton St.Gallen umstritten ist, hat nichts mit dem hiesigen Schulsystem zu tun. Die St.Galler Volksschule funktioniert. Daran hat auch der Harmos-Beitritt von 2008 nichts geändert. Der Widerstand gegen das Konkordat kommt denn auch nicht von der Lehrerschaft, die sonst rasch auf die Barrikaden steigt. Auch politisch herrscht praktisch Einigkeit: Von links bis rechts steht alles hinter dem Konkordat, einzig die SVP stemmt sich dagegen – und das nicht einmal einstimmig.

Offenbar ist etlichen Mitgliedern nicht ganz wohl dabei, dass sich die Partei damit gegen den eigenen Regierungsrat stellt, einen Volksentscheid missachtet und dazu die Verfassung aushebeln will. Zur Erinnerung: 2006 stimmten Volk und Stände mit einem überwältigenden Mehr von 86 Prozent dem Bildungsartikel in der Verfassung zu, der die landesweite Harmonisierung bestimmter Eckwerte zum Ziel hat. Dazu gehören Schuleintrittsalter, Schulpflicht, Dauer und Ziele der Bildungsstufen. Die Kantone sind also zur Harmonisierung der Volksschule verpflichtet. Harmos ist nichts anderes als die Umsetzung dieser Verpflichtung.

Überraschend ist der SVP-Widerstand gegen Harmos trotzdem nicht: Wenn sämtliche Parteien und Verbände dafür sind, sucht die Volkspartei mittlerweile fast schon reflexartig die Oppositionsrolle. Entlarvend ist dabei die Wandlung von SVP-Bildungschef Stefan Kölliker. Noch 2008 ein vehementer Harmos-Gegner, ist Kölliker heute ein flammender Befürworter des Konkordats. Seine lapidare Erklärung: Er habe sich eben mittlerweile mit Harmos befasst.

Treibende Kraft hinter der Harmos-Austritts-Initiative ist aber ohnehin nicht die SVP. Die wahren Angstmacher stehen in einer ganz anderen Ecke – im schwer fassbaren Verein Starke Volksschule. In diesem Sammelbecken für Unzufriedene und Besserwisser aller Art tummeln sich Evangelikale, Impfgegner und Staatsskeptiker, argumentiert wird mit einer kruden Mischung aus pädagogischem Revisionismus, religiös verbrämtem Antiliberalismus und engherzigem Kantönligeist. Hier treffen Sexualkunde-Gegner und Schiefertafel-Nostalgiker auf politisch Ewiggestrige, die hinter jeder Schulreform eine marxistische Verschwörung vermuten. Ihre einzige Gemeinsamkeit ist die pauschale Ablehnung einer modernden Volksschule, wie sie der Bildungsartikel vorzeichnet.

Der Verein Starke Volksschule macht sich dabei nicht einmal die Mühe, seine Verbindungen zu zweifelhaften Organisationen zu kaschieren. Auf seiner Internetseite verlinkt er ohne Umwege zur Plattform von «Bürger für Bürger», einer Organisation aus dem Umfeld der Vereinigung zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis (VPM). Die inzwischen aufgelöste sektenähnliche Vereinigung provozierte in den 1990er-Jahren Schlagzeilen mit Verschwörungstheorien über eine angebliche Unterwanderung des Bildungswesens – ein Vorwurf, der in abgewandelter Form nun auch in der Harmos-Debatte wieder auftaucht.

Vor diesem Hintergrund wirkt die Beteuerung des Vereins Starke Volksschule, es gehe ihm allein um das Wohl der Kinder, wenig glaubwürdig. Die unsachlichen Tiraden gegen Harmos, Lehrplan 21 und andere Modernisierungspläne lassen vielmehr den Verdacht aufkommen, dass es hier um die Verteidigung eines Weltbilds geht – eines Weltbilds notabene, das mit einem fortschrittlichen Bildungswesen nicht vereinbar ist. Auch die Gegner wissen ganz genau: Bei Harmos geht es nicht um eine tiefgreifende Neuordnung des Schulsystems, sondern schlicht um die Fortsetzung der bisherigen Politik. Ein Nein zum Harmos-Austritt ist deshalb nichts weiter als konsequent.


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http://www.tagblatt.ch/4753836Angstmacher und Besserwisser

Der Autor dieses Textes hat gute Arbeit geleistet: Kurzweilig und doch interessant!

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