Frisch aus St.Gallen – Topnews: St.Galler Fest – wohltuend oder langweilig?

Der Text trifft den Nagel auf exakt auf den Kopf

Heute und morgen feiert die Stadt ihr St.Galler Fest. “Einander begegnen tut gut!”, findet Daniel Wirth, Leiter der Tagblatt-Stadtredaktion. “Greatest Hits wie jedes Jahr!”, hält Redaktor Roger Berhalter dagegen. Eine Kontroverse.

Daniel Wirth, Leiter Stadtredaktion:

Es ist ein Fixpunkt in der Agenda: das St.Galler Fest. Das dritte Wochenende im August wird freigehalten. Mindestens ein Abend. Was macht dieses Stadtfest aus, das eigentlich nichts anderes ist als Essen, Trinken, Musikhören, Tanzen? Es sind die vielen Begegnungen!

Du triffst den Freund, mit dem du als Teenager zusammen Fussball gespielt hast, du begegnest der Frau, mit der du als Kind jahrelang die Schulbank gedrückt hast, oder du triffst Paul, mit dem du in Zug III der Kompanie IV Ende der 1980er-Jahre auf dem Waffenplatz in Thun nächtens den Verschluss des Sturmgewehres polieren musstest – ehe es zum Bier ging.

Bier wird am St.Galler Fest viel getrunken. Doch wer sagt, am Fest in den Gassen der Altstadt werde bloss gesoffen, der übertreibt, auch wenn Teile der Jungmannschaft tatsächlich zu viel bechern. Die St.Galler halten das ganze Jahr über Ordnung und sie sind arbeitsam; gerade von den Jungen wird heute viel abverlangt, mehr als früher. Ein Wochenende unter freiem Himmel, die Alltagssorgen kurz beiseite gelegt, anstossen, lachen, essen, trinken – das darf, ja das muss erlaubt sein!

Sicher: Es gibt Parties, die entstehen spontan, die stehen nicht im Ruf wie das St.Galler Fest, ein organisiertes, zeitlich eingeschränktes kollektives und viel zu lautes Besäufnis zu sein.

Wer kleine, gediegene Feiern mag, ist am St.Galler Fest nicht gut aufgehoben. Wer aber auf viele spontane Begegnungen hofft, der ist an diesem Wochenende goldrichtig in der Stadt. Einander begegnen tut gut.

Übrigens: Das St.Galler Fest wird von einer recht grossen Gemeinde Vor-Olma genannt.

Roger Berhalter, Stadtredaktor:

“Sweet Home Alabama” – ganz bestimmt wird dieser Song auch an diesem St.Galler Fest wieder zu hören sein. Er gehört, so wie das ganze Fest, zum alljährlichen Stadtritual. Deshalb ist vor diesem Wochenende vieles vorhersehbar: Es wird in den Gassen wieder eng werden, es wird wieder laut werden, das Bier wird fliessen, und irgendwo wird eine Band “Sweet Home Alabama “spielen. Das Stadtfest als Greatest-Hits-Programm. Man trifft vielleicht alte Bekannte wieder, aber Neues entdeckt man anderswo.

Und typisch St.Gallisch-schmörzelig ist es, dieses Fest. Da schmeisst man eine Riesenparty für 100 000 Besucher – und denkt schon um Mitternacht wieder ans Aufhören. Man soll also trinken und tanzen und feiern – aber um 1 Uhr ist dann bitteschön wieder Schluss und ruhig und alle ab nach Hause (Ok, am Samstag erst um 2 Uhr, aber trotzdem). Die Musik wird sogar noch früher abgedreht. Das ist kein richtiges Fest, höchstens ein halbes. Und wer meint, die aufgeputschte, angeheiterte Masse gehe danach tatsächlich nach Hause, der lebt noch in den 80er-Jahren.

Immerhin: Dieses Jahr sind die Rheintaler zu Gast. Die Gemeinde Berneck präsentiert sich am Fest als erste Gastgemeinde. Also gibt es doch noch etwas Neues zu entdecken, auch wenn es nur Sonnenbräu statt Schützengarten ist.

Ganz bestimmt wird nach dem Fest aber wieder kollektiv gejammert. Am Montag wird es wieder heissen: Es war zu eng, es war zu laut, es floss zu viel Bier. Und man wird sich dabei ertappen, wie man im Büro leise “Sweet Home Alabama” summt.


Hier: zur lesenswerten Eheringe-News St.Galler Fest – wohltuend oder langweilig?

http://www.tagblatt.ch/4723845St.Galler Fest – wohltuend oder langweilig?

Sehr gut und kompakt geschriebener Text. Ein spannendes Thema gebührend beschrieben.

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