Aus St.Gallen – aktuelle Meldung: Erneut ist Steinach ein geteiltes Dorf

Sehr fundierter Bericht, die Lesezeit ist gut investiert.

Der seit 2007 amtierende Steinacher Gemeindepräsident Roland Brändli (FDP) wird von einer IG und von Gemeinderäten herausgefordert. Bereits 2012 stand Brändli aufgrund seines Führungsstils in der Kritik. Doch er gewann die Wahl gegen einen CVP-Kontrahenten klar.

STEINACH. Ein sorgloses Dorf stellt man sich vor wie Steinach: Die St. Galler Bodenseegemeinde hat von der idyllischen Lage und der guten Infrastruktur her alles, was man sich wünscht. Und wer aufs Geld schaut, darf sich über einen der niedrigsten Steuerfüsse in der Region freuen, mittlerweile liegt er bei 119 Prozent. Politisch zum Wahlkreis Rorschach gehörig, profitiert das Kantonsgrenzdorf wirtschaftlich von der Anlehnung an das Thurgauer Industriestädtchen Arbon.

3500 Einwohner, ein paar Sehenswürdigkeiten (Gredhaus, Steinerburg, Hängebrücke), namhafte Unternehmen (wie Hartchrom, Hügli, Trunz). Alles auf fruchtbarem Boden, wie es in der Chronik heisst: «Um 896 hatte man zu Steinach am See zwischen Rorschach und Arbon schon grössere Weingärten, von wo aus sich dieses Gewächs in der ganzen Gegend verbreitete.» Und im Gegensatz zu andern Orten in der Ostschweiz muss sich Steinach nicht gegen die Abwanderung wehren, sondern die Zuwanderung meistern.

Externer FDPler im CVP-Nest

Wenn Steinach in jüngster Zeit überregional Schlagzeilen machte, war es allenfalls wegen des umstrittenen Neubaus der kantonalen Fischzucht oder wegen eines in die Seevilla Weidenhof zugezogenen deutschen Millionärs, der zeitweise unter Betrugsverdacht stand. Keinerlei Probleme für die lokale Politik, möchte man meinen. Im Gegenteil sogar ein vorbildliches Dorf: Punkto Energiewende könne «die Schweiz von Steinach lernen», staunten Experten.

Doch der Eindruck einer ruhigen Oase täuscht. Denn «innenpolitisch» kommt die einstige CVP-Hochburg nicht zur Ruhe, seit ein Toggenburger Freisinniger das Steuer übernahm: 2007 war der Wattwiler Gemeinderat, Sportlehrer und Militärpilot Roland Brändli, Jahrgang 1972, mit 522 von 780 Stimmen als einziger Kandidat zum Nachfolger des langjährigen «Dorfhäuptlings» Guido Wüest (CVP) gewählt worden. Als Quereinsteiger brauchte Brändli seine Einarbeitungszeit, da und dort gab es Friktionen, doch schien er nach zwei, drei Jahren gut auf Kurs zu sein. Bis sich – zunächst anonym – Stimmen mehrten, die seinen teilweise autoritären Führungsstil kritisierten und die häufigen personellen Wechsel in der Verwaltung monierten.

Die schwelende Unzufriedenheit gipfelte 2012 in einer Gegenkandidatur der CVP, unterstützt von der SVP: Der Altenrheiner TV-Journalist, Texter und frühere St. Galler CVP-Kantonalparteipräsident Christian Ledergerber sollte den Sitz des FDP-Eindringlings erobern. Es entbrannte ein heftiger, ja gehässiger Wahlkampf, in dem eine ehemalige CVP-Kantonsrätin die Vernunft anmahnte: Man sollte «die gebotene Auswahl korrekt handhaben, ohne einen dieser beiden Kandidaten schlecht machen zu müssen», schrieb Alice Müggler-Popp in einem Leserbrief – schliesslich «müsse und wolle man doch wieder gemeinsam in unserer Gemeinde leben».

Weil ein knapper Ausgang erwartet worden war, überraschte das Verdikt: 830 Stimmen für Brändli gegenüber lediglich 324 Stimmen für Ledergerber. Kein Zweifel, eine klare Mehrheit war mit dem Chef zufrieden. Und offensichtlich stimmte der Eindruck, den der Ende August 2009 ausgestrahlte SRF-Dokfilm mit Brändli als einem von drei typischen Schweizer Gemeindepräsidenten gezeichnet hatte. Dort schwärmte der einstige Landesmeister im Geräteturnen trotz hoher Arbeitsbelastung vom Seedorf und der «direkten Art» seiner Bewohner. Also raufte sich der neugewählte Gemeinderat zusammen und packte die Aufgaben im weiter wachsenden Dorf an. Doch verstummte die Kritik am Gemeindepräsidenten nie ganz; so hiess es etwa mehrfach, dass Brändli zu viele Projekte angerissen habe und keine Prioritäten zu setzen wisse. Dass der Schritt zur Einheitsgemeinde (2013) nicht ohne Reibungen von sich geht, kennt man freilich auch von anderen Gemeinden.

Der Abgang des Schreibers

Trotzdem: Der Wahlkampf hatte Wunden geschlagen, die nie ganz verheilten. Aufhorchen liess vor einem Jahr der unvermutete Abgang des treuen Gemeindeschreibers und Finanzverwalters: Bruno Helfenberger kündigte nach 37 Dienstjahren und wechselte im Sommer 2015 als 60-Jähriger in die Bauverwaltung Goldach. Helfenberger hielt mit öffentlicher Kritik an seinem Chef zurück. Doch bezeichnete er den Schritt als unausweichlich: «Ich habe es nicht mehr auf einen Nenner gebracht und habe der Gesundheit zuliebe etwas tun müssen.» Insider meinten, Helfenberger habe unter den Wechseln gelitten, doch er selbst blieb seiner loyalen Linie verpflichtet. Ein offenes Zerwürfnis wurde nie spruchreif.

Gemeinderäte kandidieren

In diesem Frühjahr die neuerliche Eskalation: Gemeinderat Michael Aebisegger (parteilos) reichte aus Protest gegen die angekündigte Wiederkandidatur Brändlis seinen vorzeitigen Rücktritt ein. Nun will er mit seinem Ratskollegen Andreas Müller (GLP) die Wiederwahl des Toggenburgers verhindern. Die Kandidatur der Brändli-Gegner wird von einer überparteilichen Interessengemeinschaft (IG) Steinach sowie von den Ortsparteien CVP und SVP unterstützt. IG-Präsident ist pikanterweise ein ehemaliger FDP-Gemeinderat: Frank Herrmann hatte Brändli vor vier Jahren noch unterstützt, doch jetzt sieht er frühere Bedenken bestätigt – der Führungsstil sei «unkollegial» und von unqualifizierten persönlichen Angriffen geprägt, Brändli habe «aus der ersten Amtsperiode keine Lehren gezogen», das Klima im Rat habe sich «gar noch verschlechtert».

Fast täglich kommt es zu Leserbriefen, Vorwürfen, Entgegnungen. Im Hintergrund wirken die PR-Profis Sven Bradke (Brändli) und Esther Friedli (IG). Der Ton hat sich verschärft: Erst am Montag hat die IG mitgeteilt, dass die sechs Gemeinderäte im Januar dem Gemeindepräsidenten «einstimmig nahelegten, auf eine Wiederwahl zu verzichten». Weil dieser auf die «Empfehlung» nicht eingegangen sei, habe man die IG gegründet. Brändli verneint einen «solchen Beschluss» und verweist auf die «klar gegenteilige Meinung» eines anderen Ratsmitglieds. «Jene, welche das Wohl von Steinach und nicht die eigenen Machtansprüche im Fokus haben, haben sich distanziert.» Brändli freut es, dass das Personal im Gemeindehaus Stellung für ihn bezogen hat. Und er bleibt vor der erneuten Kampfwahl gelassen: «Viele Leute haben mir Mut gemacht. Ich solle mich nicht vertreiben lassen.»


Klick HIER: Zur Ganzen Textquelle Erneut ist Steinach ein geteiltes Dorf

http://www.tagblatt.ch/4720184Erneut ist Steinach ein geteiltes Dorf

Klar und deutlich. Guter Artikel welcher der anspruchsvollen Thematik absolut gerecht wird.

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