St.Gallen-News: Bier, Blut und «Chläusi»

Lesenswerter Artikel über ein interessantes St.Gallener Topic.

Früher wurde hier über Hinrichtungen entschieden, früher floss hier Bier. Heute fliessen um und am Hirschenplatz Verkehr und Blut. Der Platz im Osten der Stadt St. Gallen ist keine zehn Jahre alt – in seiner heutigen Ausgestaltung.

ST. GALLEN. Täglich drei Menus. Div. Tagesteller. Sa + So geschlossen. Schwartenmagen. Wurstsalat. Leberli. Cordon bleu. Schnitzel. Steak. Dies alles findet sich auf der Menukarte im Schaukasten. Dies alles kommt im «Hirschen» auf den Tisch. Nicht heute und nicht morgen. Das Restaurant «zum Hirschen» hat derzeit Betriebsferien.

Wen nach Fleisch gelüstet, der muss sich derzeit am Platz in St. Fiden gedulden. Auch die Metzgerei gegenüber hat Betriebsferien. Kein Fleisch auf dem Teller, kein Fleisch in der Auslage. Wohl aber Blut in Konserven. Das regionale Blutspendezentrum der Rotkreuzstiftung ist seit drei Jahren am Hirschenplatz zu Hause. Der Neubau fällt auf – wegen seiner markanten gelb-grauen Fassade. Das Zentrum nutzt das Erd- und die beiden ersten Obergeschosse, das dritte und das Attikageschoss sind ans Kantonsspital vermietet; es hat in den Räumen sein Finanzdepartement untergebracht. Zwischen Blutspendezentrum und Kantonsspital gibt es eine unterirdische Verbindung – ein Rohrpostsystem für den Notfall, wenn es eilt.

Berühmter Quartierbewohner

Einst floss hier ein ganz anderer Saft – Bier. Letzte Besitzerin des Areals war die Brauerei Schützengarten; sie hatte es von der Brauerei-Gesellschaft Hirschen übernommen. In der Übergangszeit vom 19. zum 20. Jahrhundert wurden hier Münchner- und Pilsner-Biere gebraut. Lange Jahre war das «Hirschen-Areal» ein leerer Ort, bekannt als Quartierparkplatz. Westlich die Kirche und die Spitalhochhäuser, östlich der Silberturm, und unmittelbar daneben rauscht seit 1987 der Verkehr von der und zur Autobahn. Der Anschluss habe sein Jugendquartier verschandelt, schrieb Niklaus Meienberg. «Chläusi», wie er als Bub im Quartier gerufen wurde, wuchs unweit des Platzes auf. Die nahe Kirche interessierte den Historiker, Journalisten, Schriftsteller und späteren Kritiker des katholischen St. Gallen schon damals mässig. Mehr als einmal wurde er ohne Essen ins Zimmer verbannt, da er den Kirchgang verweigert hatte. Man gehe zur Kirche, Punktum. So seine Mutter.

Dorfbrunnen war an der Landi

Restaurant und Blutspendezentrum markieren den Hirschenplatz. Hirschenplatz? «Gibt es nicht», sagt einer, der jede Ecke der Stadt kennt. «Die Bezeichnung Hirschenplatz ist relativ neu und hat sich seit dem Wettbewerb für das Blutspendezentrum eingebürgert», sagt Edgar Heilig, St. Galler Kunsthistoriker und in der Gegend aufgewachsen. «Früher gab es hier einfach den Dorfplatz.» Mit Brunnen.

Der «Dörflibrunnen» war 1914 für die damalige Landesausstellung gebaut worden. Als Beispiel dafür, was sich mit dem Werkstoff Beton alles machen lässt. Die Gemeinde Tablat kaufte den Brunnen, kurz bevor es 1918 zur politischen Verschmelzung mit der Stadt zu «Gross-St. Gallen» kam. Das idyllische St. Fiden war damals bereits Vergangenheit; im Neujahrsblatt von 1829 war noch vom «Dörfchen auf einer schönen Ebene, eine Viertelstunde nordöstlich von St. Gallen» die Rede gewesen.

Der «Dörflibrunnen» hatte einst mitten auf der Kreuzung gestanden – als Verkehrsteiler. Heute braust Auto um Auto vorbei. Busse jagen sich in kurzen Abständen. Lastwagen biegen auf den Autobahnzubringer ein. Auf dem Hirschenplatz lassen sich Verhaltensstudien machen. Von Autofahrern – vom Typus zögerlich (bremst bei Grün bereits präventiv ab) bis zum Typus aggressiv (drückt bei Hellrot noch kräftig aufs Gas). Und von Buspassagieren – von abwesend wartenden, drängelnd einsteigenden und schleppend aussteigenden. Und: Der Hirschenplatz lässt vom Lärm und vom Beobachten Erschöpfte nicht im Stich. Die Platzmöbel, robuste Stühle und Bänke, sind bequemer, als ihr Design auf den ersten Blick vermuten lässt.

Frühe Werke von Calatrava

Neben dem «Dörflibrunnen» das zeitgenössische St. Fiden: zwei Stahlkonstruktionen. Die Dächer von Bushaltestelle und Unterführung hat der Ingenieur-Architekt Santiago Calatrava entworfen. «So es cheibe Züg», habe es damals geheissen, weiss ein älterer Quartierbewohner. «Heute sind wir froh um jedes anständige Bushäuschen.»

Richten und hinrichten

In frühen Jahren war der «Hirschen» – sein Kern geht auf das 15. Jahrhundert zurück – nicht nur Gasthof und Fuhrhalterei, er war auch Gerichtsgebäude. Im Gerichtssaal im ersten Obergeschoss ging es um Leben und Tod – jedenfalls dann, wenn über die Hinrichtung von Mördern und andern Schwerverbrechern entschieden wurde. Die Hinrichtungsstätte allerdings war während 180 Jahren, von 1613 bis 1793, draussen beim Espenmoos. Hingerichtete wurden beim Galgen verscharrt.

Im ehemaligen Amtshaus neben dem «Hirschen» wird heute noch «gerichtet». Hier hat eine Anwaltskanzlei ihre Büros. Die Glockenschilder verraten die weiteren Bewohner: Kindergärtler, Ärzte, Physiotherapeutinnen und das Collegium Musicum St. Gallen. Aus dem Amtshaus wurden einst Schüsse abgefeuert – ganz regulär. Es war im Erdgeschoss auch Schützenhaus; die Zielscheiben standen am Ende des freien Ackers, am Fuss des Hanges. Heute flitzten die Kugeln durch eine Wohnstrasse, vorbei an Coiffeursalon und Immobilienunternehmen. Auf dem Balkon eines Wohnblocks sitzt eine ältere Frau; ihr Gesicht scheint wächsern – als ob hier, eine Querstrasse weg vom Hirschenplatz, die Zeit stehengeblieben wäre. Quietschende Reifen von der nahen Kreuzung lassen zusammenzucken. Willkommen im modernen St. Fiden.


Click: ZUM UMFASSENDEN EHERINGE-ARTIKEL Bier, Blut und «Chläusi»

http://www.tagblatt.ch/4704558Bier, Blut und «Chläusi»

Dem Autor ist die Kunst gelungen ein komplexes Thema interessant und lehrreich nahe zu bringen.

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