Aus St.Gallen – aktuelle Neuigkeit: Der Politik trauert sie nicht nach

Kompetenter Text, auf den Punkt gebracht.

Zwölf Monate lagen zwischen ihrer Fast-Wahl zur Bundesrätin und ihrer Abwahl als St. Galler Regierungsrätin. Die Politik ist für Rita Roos in weite Ferne gerückt, die Pensionierung rückt näher.

Rita Roos steht vor einem Wechsel. Einem gewollten. Einem ruhigen. Einem, der sich seit längerem abzeichnet. Sie tritt Ende Jahr als Direktorin von Pro Infirmis Schweiz zurück – und in den Ruhestand. Seit elfeinhalb Jahren steht sie der grössten Behindertenorganisation der Schweiz vor. Rita Roos wirkt entspannt. Sie führt durch den Garten ihres Hauses in Lichtensteig, erzählt von ihrer Entlebucher Sennenhündin und parliert ungezwungen am Küchentisch über Vergangenes, Aktuelles und Künftiges. Dem war nicht immer so. Ihr Abgang aus der Politik war abrupt, bitter und schmerzvoll. Rita Roos zog sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. 16 Jahre sind seither ins Land gezogen.

Ein Wahlzettel gibt den Ausschlag

Auch wenn ihr Fall als Politikerin schier bodenlos scheint: Rita Roos schrieb St. Galler Politikgeschichte. Die Christlichsoziale wurde 1996 – zusammen mit der Sozialdemokratin Kathrin Hilber – als erste Frau in die St. Galler Regierung gewählt. Sie war auch die erste Frau Landammann des Kantons. Und es sah so aus, als ob ihre Karriere noch weiter nach oben führen würde: Rita Roos kandidierte für den Bundesrat, zog als Favoritin gegen Ruth Metzler ins Rennen – und musste sich geschlagen geben. Eine einzige Stimme fehlte ihr zur Wahl. Wegen der Schludrigkeit eines Parlamentariers; auf einem Wahlzettel stand der Name Roth und nicht Roos.

Ihre Nichtwahl in Bern mündet in eine Abwärtsspirale, aus der sich die Toggenburger Anwältin nicht befreien kann. Fast auf den Tag genau ein Jahr später landet die Volkswirtschaftsdirektorin in der Erneuerungswahl der St. Galler Regierung auf dem letzten Platz. Wenig später tritt eine gezeichnete Rita Roos vor die Medien und gibt ihren Verzicht auf den zweiten Wahlgang bekannt. Ein emotionaler Moment. Und das Ende ihrer politischen Karriere.

Eines, sagt Rita Roos, habe sie damals nicht verloren: Das Urvertrauen, dass sie ihren Weg wieder finden würde. Was half ihr dabei? «Ich bin nicht der Typ, der ins Kloster geht.» Rita Roos ging in die USA. Für einen Studienaufenthalt. Ein halbes Jahr hatte sie geplant, geblieben ist sie fast zwei Jahre. Die Juristin wollte mehr über das amerikanische Rechtssystem erfahren, schrieb sich in San Diego an einer Universität ein, machte einen Master of Law. «Mein Geschenk zu meinem 50. Geburtstag», sagt sie lachend.

Rita Roos mietete in den USA ein Zimmer bei einer älteren Holländerin, war umgeben von jungen Mitstudenten und auf sich zurückgeworfen. «Das war herausfordernd.» Rückblickend sagt sie: «Es war das Richtige. Ich lernte viel Neues und gewann Distanz zu den hiesigen Ereignissen.»

Vom Zweck überzeugt

Sie kehrt in die Schweiz zurück, landet «auf der grünen Wiese», überlegt sich ihre berufliche Zukunft – «strukturiert, aber ohne Druck». Sie steigt wieder als Anwältin ein. Bis die Anfrage von Pro Infirmis kommt. Erst für eine Mitarbeit im Vorstand, wenig später für das Direktorium. Rita Roos verlangt eine Bedenkzeit, dann sagt sie zu. «Der Zweck der Organisation hat mich überzeugt: Menschen mit einer Behinderung in einem selbständigen Leben zu unterstützen.» Er ist ihr nicht fremd. So wenig wie das Engagement für behinderte Menschen. Eine ihrer drei Schwestern ist auf den Rollstuhl angewiesen. Randsteine, Stufen, fehlende Griffe – Rita Roos’ Blick für derartige Hindernisse ist seit vielen Jahren geschärft. In jenen Tagen der Entscheidfindung treibt sie noch ein anderes Gefühl um: Die Anwaltstätigkeit – «immer dieses Strittige» – erfüllt sie nicht mehr so sehr wie in früheren Jahren. Das war 2005.

Elf Jahre später sagt sie: «Das Thema Behinderung wird heute offener diskutiert als damals. Das Bewusstsein für Menschen mit einer Beeinträchtigung ist geschärfter.» Sie würden vermehrt als Personen «wie du und ich» wahrgenommen. Und dennoch: Bis sich diese Haltung konsequent in allen gesellschaftlichen Belangen durchsetze, wie dies die UNO-Behindertenkonvention auch von der Schweiz verlange, sei es noch ein langer Weg – und seien manche Sparappelle der öffentlichen Hand auszuhalten. «Es finden sich immer wieder vor allem finanzielle Argumente gegen bauliche Massnahmen, die Gehbehinderten oder Rollstuhlfahrern das Leben erleichtern würden.» Ein spontaner Ausflug sei für eine Person im Rollstuhl hierzulande kaum möglich; er müsse detailliert geplant werden und häufig bestimmten die Zugänglichkeit von Gebäuden oder Restaurants mit einem Behinderten-WC die Route – «das ist übel».

Ein anderes, schwieriges Thema: die Integration von Menschen mit einer Behinderung oder IV-Bezügern in den Arbeitsmarkt. Auch wenn heute vermehrt Unternehmen ihren guten Willen bekundeten: Die Vorbehalte, Menschen mit einer Behinderung einzustellen, seien gross. Was könnte helfen, diese abzubauen? «Quoten», sagt Rita Roos, «für eine Übergangsphase, so dass alle Beteiligten die Erfahrung machen können, dass es funktioniert.» Was dabei wichtig sei: Arbeitgeber wie Arbeitsteam müssten unterstützt werden – «ohne geht es nicht». Denn: «Gerade bei Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung kann die Integration in den Arbeitsprozess lange dauern. Ihre Integrationsfähigkeit wird teilweise überschätzt.»

Schlummermutter besuchen

Der Politik trauert Rita Roos schon lange nicht mehr nach. Sie könne in ihrer heutigen Aufgabe «viel zielgerichteter an Themen vorwärts arbeiten». Was hat sie bei Pro Infirmis für sich persönlich gelernt? «Geduldiger zu sein, auch mal abzuwarten oder etwas auszusitzen.» Für den nächsten Lebensabschnitt hat sie sich vor allem eines vorgenommen: «Bewusster leben.» Mehr in der Natur und weniger termingebunden unterwegs sein. Ein «Termin» ist gesetzt: der Besuch ihrer ehemaligen Schlummermutter in den USA.


Hier: zur umfassenden Quelle Der Politik trauert sie nicht nach

http://www.tagblatt.ch/4702295Der Politik trauert sie nicht nach

Sehr gut und kompakt geschriebener Text. Ein spannendes Thema gebührend beschrieben.

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