News aus St.Gallen: Wunderbarer Presswehen-Kitsch

Lesenswerter Artikel über ein interessantes St.Gallener Topic.

Herbert Grönemeyer ist 60. Na und? In der AFG Arena bewies er am Freitagabend, wieso er und seine Musik live kein bisschen in die Jahre gekommen sind. Im Gegenteil.

ST.GALLEN. Wetten, noch lieber als beim allmählichen Eindunkeln auf den Brettern der AFG-Bühne zu stehen, würde Herbert Grönemeyer an diesem Freitagabend zusammen mit seinen Fussballkollegen über den frisch geschnittenen Rasen im Stadion wuchten. Denn noch lieber als Musiker wäre der mittlerweile 60-Jährige Fussballer geworden.

Einer wie Bruce Springsteen

Gut möglich, dass er im Verlauf des Abends erwähnen wird, dass er links und rechts gleich gut schiesse oder dass er mit vier Jahren erstmals im Stadion des VFL Bochum war. Einer, der vor wenigen Stunden den offiziellen deutschen EM-Song veröffentlichte, darf das. Schlag 20 Uhr sind alle Gedanken an Fussball wie weggeblasen. Kraftvoll wummern die Bässe durch die anständig gefüllte Arena und dazwischen tanzt – ja, tanzt! – Herbert Grönemeyer ganz in schwarz gekleidet über die Bühne. Zeitlos wirkt er, irgendwie kaum gealtert, ganz wie seine Musik. Nie wirklich so hip wie seine Lieblingsband Massive Attack, von der Alternativszene oft denkfaul belächelt, aber von den Massen doch geliebt.

13 Millionen verkaufte Tonträger, verteilt auf 14 Alben und dreieinhalb Dekaden lügen nicht. Bereits sein zweiter Titel «Wunderbare Leere» erschliesst das Geheimnis seines Erfolgs. Denn Herbert Grönemeyer ist mit seinen zuweilen klebrigen Melodien, seinen versöhnlichen Harmonien, seiner eigenwilligen Stimme, seinen manchmal noch immer in den Achtzigern verhakten Arrangements und seinen auch immer wieder sperrigen Texten nichts weniger als ein Volksmusiker. Einer wie Bruce Springsteen vielleicht: ohne Ablaufdatum, unumstösslich, glaubwürdig, und über die Jahrzehnte hinweg nie wirklich peinlich oder schlecht.

So etwas wie Heimat

Nach zwanzig Minuten die ersten Tränen der Freude oder vielleicht sogar von Heimat im Publikum. Aus tausend Kehlen intonieren die Gekommenen «Bochum». Garantiert begleiten ihren Gesang Gedanken an die eigene Jugend, an junge Leben mitten im Aufbruch. Herbert zappelt, tanzt schon wieder, fühlt sich pudelwohl und drückt seine Melodien gen Himmel. Wenn jemand diesen wunderbaren Presswehen-Gesang hätte verhindern können, dann Grönemeyers in Wien lebender Hals-, Nasen- und Ohrenarzt Dr. Schweizer. Aber jener attestierte ihm vor Jahrzehnten unzerstörbare Stimmbänder – und behielt recht. Der Rest ist Geschichte und Soundtrack für die Leben seiner Wegbegleiter.

Poetische Kraft

Der Abend wird zu einer wilden Schifffahrt durch Grönemeyers aktuelles Material und seine Hits. Nach einer guten Stunde mit «Männer», «Was soll das» oder auch «Vollmond» beschenkt er sein Publikum mit einer jazzigen Version von «Flugzeuge im Bauch» und legt gleich «Der Weg» nach. Tränen im Publikum, man kann das Kitsch nennen oder einfach anerkennend poetische Kraft.

Über seine Lieder sagt er so schöne Sätze wie, dass die Musik für ihn schon immer der Körper gewesen sei und seine Texte Kleider, die er dazu schneidere. Oder auch, dass für ihn Musik ohne Kitsch nicht funktioniere. 2058 wolle er sein letztes Konzert geben, 92 sei er dann, sagt er irgendwann an diesem Abend. Die stumme Antwort des Publikums: Wir werden da sein, wenn wir noch da sind.


Klick HIER: zum ausserordentlich tollen Eheringe Report Wunderbarer Presswehen-Kitsch

http://www.tagblatt.ch/4653692Wunderbarer Presswehen-Kitsch

Sehr gut und kompakt geschriebener Text. Ein spannendes Thema gebührend beschrieben.

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