Aus St.Gallen – topaktuelle News: Nicht nur der Grill raucht

Dieser Artikel bringt es genau auf den Punkt.

Wenn draussen Feste gefeiert und Grills angefeuert werden, erhitzt sich auch Nachbars Gemüt besonders schnell. Laut einer Vermittlerin gehen die Emotionen nirgends so hoch wie bei Scheidungen und Nachbarschaftsstreits.

ST.GALLEN. Am vergangenen Freitag rief der Tag der Nachbarn erstmals in der Stadt St.Gallen offiziell dazu auf, sich mit Nachbarinnen und Nachbarn in gemütlicher Runde zu treffen, zu plaudern und sich kennenzulernen. Dass der Aufruf, dem in allen Quartieren der Stadt an vielen privat organisierten Kaffeekränzchen, Mittagessen, Apéros und Grillabenden Folge geleistet wurde, durchaus Sinn macht, zeigt ein Blick auf die weniger schöne Seite des Zusammenlebens, auf Nachbarschaftsstreitigkeiten.

«Das kommt relativ häufig vor»

Streitende Nachbarn sind keine Ausnahmeerscheinung. Immer wieder wenden sich Betroffene an die telefonische Beratung des Mieterinnen- und Mieterverbands Ostschweiz. «Das kommt relativ häufig vor», sagt Rechtsberaterin Anja Müller. Oft sei Lärm die Ursache, dass der Haussegen zwischen Nachbarn schief hängt. Es sind Kleinigkeiten, die Nachbarn in den Wahnsinn treiben – vor allem nachts, wenn sie schlafen wollen.

Anja Müller hört dann Sätze wie: «Die rücken die ganze Nacht Möbel.» Oder: «Die läuft immer in Stöckelschuhen in der Wohnung herum.» Meist handelt es sich um Bewohner älterer, ringhöriger Liegenschaften. Vergangene Woche erhielt sie einen Anruf von einem Mann, der erzählte, er werde von seiner Nachbarin gemobbt. Sie behaupte, er sei zu laut auf der Toilette. Er selbst hält die Nachbarin für «übersensibel» und wollte wissen, was er tun solle.

Für Rechtsberaterin Anja Müller ist es ein typischer Fall eines Nachbarschaftsstreits. Für Aussenstehende klingt er banal, für Betroffene entwickelt er sich zum Nervenkrieg. Und für die Rechtsberaterin ist es keine einfache Angelegenheit. «Es handelt sich nicht um einen Mietstreit im eigentlichen Sinne, sondern um ein zwischenmenschliches Problem», sagt Anja Müller. Sie riet dem Anrufer, sich mit der Nachbarin an einen Tisch zu setzen.

Anrufe bei der Polizei

Oft werde das persönliche Gespräch zu spät oder gar nicht gesucht, sagt sie. Viele Mieter seien der Meinung, es bringe eh nichts. Vor diesem Hintergrund ist ein Tag der Nachbarn, wie er am Freitag stattfand, sinnvoll. Auch Gian Andrea Rezzoli, Mediensprecher der Kantonspolizei, sagt: «Man könnte mehr miteinander reden.» Statt beim Nachbarn zu klingeln, wenn dieser mit seinem Grill Rauchschwaden produziert, rufen manche Leute direkt die Polizei. Besonders im Sommer häufen sich dort entsprechende Anrufe wegen Lärm- und Geruchsbelästigung. In besonders festgefahrenen Fällen müsse die Polizei gar mehrfach zu denselben Nachbarn ausrücken.

Bis 2011 landeten viele Nachbarschaftsstreitigkeiten beim Vermittleramt St.Gallen, weil dieses auch für kleinere Straffälle zuständig war. Die Vermittlerinnen hatten es mit Beschimpfungen, Drohungen, Ohrfeigen und zerkratzten Autos zu tun. Antje Ziegler, die heutige hauptamtliche Vermittlerin, erinnert sich: «Entweder waren es amüsante oder extrem belastende Fälle. Nirgends gehen die Emotionen so hoch wie bei Scheidungen und Nachbarschaftsstreits.» Da seien immer Verletzungen und enttäuschte Hoffnungen im Spiel. Zuerst freunde man sich an, veranstalte Grillabende – und dann merke man, dass man doch nicht so gut miteinander auskomme. «Dann macht man die Faust im Sack, spricht nicht darüber – bis es ‘tätscht’.» Das komme bei ganz normalen Leuten vor.

Lösungen suchen

Seit die neue Zivilprozessordnung in Kraft ist, kümmert sich das Untersuchungsrichteramt um Nachbarschaftsstreits, die in Straftaten ausarten. Das Vermittleramt ist nur noch für Fragen der Eigentumsrechte zuständig. Die Zahl der Fälle ist dadurch beim Vermittleramt extrem zurückgegangen. Antje Ziegler zählt durchschnittlich noch vier Fälle im Jahr.

Sie vermittelt heute zwischen Nachbarn, die über abgesägte Bäume, zu hohe Zäune, Lärm und rauchende Grills streiten. «Wir urteilen nicht, wir suchen eine Lösung und zeigen die Vorschriften auf», sagt Antje Ziegler. Wer sich ans Vermittleramt wendet, muss eine Klage einreichen und 300 Franken bezahlen.

Krisenherd Waschküche

Manchmal spitzt sich ein Nachbarschaftsstreit derart zu, dass es zu verbalen oder körperlichen Ausfälligkeiten kommt. Dann besteht die Möglichkeit, bei der Polizei Anzeige einzureichen. Um diese Fälle kümmert sich die Staatsanwaltschaft.

Man müsse sich aber bewusst sein, dass man mit einer Anzeige zusätzlich Öl ins Feuer giessen könne, sagt Andreas Baumann, stellvertretender Mediensprecher der Staatsanwaltschaft: Meist handle es sich um kleinere Straftatbestände, Sachbeschädigungen und Tätlichkeiten. Genaue Zahlen werden nicht erhoben. Die Ursachen seien vielfältig. Nicht selten nehme ein Streit in der Waschküche seinen Anfang, wenn etwa Nachbarn gleichzeitig waschen wollen oder sich nicht an die Waschzeiten halten. Das schaukle sich dann hoch – bis es explodiert.


Klick HIER: zur lesenswerten Quelle Nicht nur der Grill raucht

http://www.tagblatt.ch/4639006Nicht nur der Grill raucht

Dem Autor ist die Kunst gelungen ein komplexes Thema interessant und lehrreich nahe zu bringen.

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