Aus St.Gallen – aktuelle Neuigkeit: Hors-sol oder Ochsentour

Dieser Artikel bringt es genau auf den Punkt.

Am 24. April wird der letzte freie Sitz in der St. Galler Regierung besetzt. Das Rennen dürfte zwischen den beiden grossen bürgerlichen Parteien entschieden werden – mit leichtem Vorteil für die FDP. Von Andri Rostetter

Es war die politische Überraschung der Saison: Nach der krachenden Niederlage von Herbert Huser am 28. Februar zauberte die SVP innert Stunden eine neue Kandidatin für die St. Galler Regierung aus dem Hut. Esther Friedli, Lebenspartnerin von Toni Brunner, sollte für die Partei ins Rennen steigen. Die Personalie erwischte selbst gestandene Parteikader auf dem falschen Fuss. Als Huser am Wahlsonntag geschlagen aus der Pfalz marschierte, war Friedli noch nicht mal Parteimitglied. Die Kantonalpartei hatte sich bereits darauf eingestellt, im zweiten Wahlgang FDP-Kandidat Marc Mächler zu unterstützen. Dann trat Toni Brunner auf den Plan – und die SVP-Friedli-Wahlkampfmaschine nahm Fahrt auf.

Ohne Stallgeruch, ohne Wurzeln

Jetzt, fünf Tage vor der Wahl, lässt sich festhalten: Aus dem Phantom Esther Friedli ist eine Kandidatin aus Fleisch und Blut geworden. Sie ist durch den Kanton getourt, hat ihr Gesicht gezeigt, geredet. Sie ist fassbarer geworden. Ob das für die Wahl genügt, ist aber fraglich. Denn trotz allem ist Friedli eine Hors-sol-Kandidatin geblieben – eine Instant-Politikerin ohne den Stallgeruch der Partei, ohne Wurzeln in der Ostschweiz. Dass sie aus dem Stand für das höchste Amt im Kanton kandidiert, stösst deshalb selbst SVP-intern nicht nur auf Wohlwollen. Denn auch dort ist klar: Wäre sie nicht Brunners Lebenspartnerin, hätte die Partei sie niemals nominiert.

Marc Mächler hat es da deutlich einfacher. Er ist der klassische Ochsentour-Politiker, der sich über die kommunale GPK bis ins kantonale Parteipräsidium hochgearbeitet hat. Er kennt den Kanton, der Kanton kennt ihn. Seine Kandidatur für die Regierung folgt also einer gewissen Logik. So stringent Mächlers politische Laufbahn, so bieder war allerdings auch sein Wahlkampf – eine Kampagne ohne Witz, ohne Überraschungen, dafür mit einem peinlichen Fehler (ein Wahlplakat mit eingekauften «Fans»). Friedlis Wahlkampf dagegen war professionell orchestriert, mit Werbevideos, Social Media, Homestory in der Boulevardpresse, inklusive Liebesbrief von «Toni-Schnügeli». Was die politischen Inhalte betrifft, konnte die SVP-Kandidatin dagegen kaum Boden gutmachen. Ihre spärlichen Positionsbezüge blieben vage, die Sätze wirkten teils wie aus dem Rhetorik-Baukasten von PR-Strategen. Aber immerhin, sie konnte ihre Bekanntheit steigern. Anderen Anwärtern ist nicht einmal das gelungen.

Zähneknirschend für Mächler

BDP-Kandidat Richard Ammann darf zwar noch auf ein paar Sympathiestimmen hoffen. Nachdem aber selbst die CVP, sonst eine natürliche Verbündete der BDP, Mächler zur Wahl empfohlen hat, schwimmen Ammann die letzten Felle davon. Denn auch wenn Regierungswahlen Personenwahlen sind – für einen Erfolg ist eine Partei mit starker Wählerbasis ein entscheidender Vorteil. Im Fall von Ammann kommt hinzu, dass ihn ausgerechnet der Anti-SVP-Reflex einige Stimmen kosten könnte: Viele Links-Wähler werden zähneknirschend Mächlers Namen ankreuzen – einfach, weil sie partout keine SVP-Regierungsrätin wollen und Mächler der einzige Kandidat mit reellen Chancen ist.

Ähnliches gilt auch für Andreas Graf. Der Kopf der Gruppierung Parteifrei hat sich nach seinem Achtungserfolg im ersten Wahlgang zwar mit Verve in die zweite Runde geworfen. Dass er erneut mithalten kann, ist aber kaum denkbar. Dafür waren seine Auftritte zu bizarr, seine Ideen zu radikal (zum Beispiel der Ruf nach einer Abschaffung des Krankenkassen-Obligatoriums). Hinzu kommt, dass der 24. April kein regulärer Abstimmungstermin ist. Die Wahlbeteiligung dürfte deutlich tiefer liegen als am 28. Februar. Entsprechend werden viele Gelegenheits- und Protestwähler – die Klientel von Kandidaten wie Graf – den Urnen fernbleiben. Die Ausgangslage für den Sonntag ist damit klar: leichter Vorsprung für Mächler, dicht gefolgt von Friedli.

andri.rostetter@tagblatt.ch


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http://www.tagblatt.ch/4595427Hors-sol oder Ochsentour

Der Autor hat mit diesem St.Gallener-Artikel gute Arbeit geleistet!

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