Frisch aus St.Gallen – topaktuell: «Frau allein genügt nicht»

Sehr fundierter Bericht, die Lesezeit ist gut investiert.

Eine zweite Frau täte der St.Galler Regierung gut: Darin sind sich Frauen von links bis rechts einig. Am 24. April bietet sich dazu Gelegenheit – mit SVP-Kandidatin Esther Friedli. Von der Mühe der Frauen mit der (falschen) Frau.

ST.GALLEN. Stehen Wahlen vor der Tür, stehen Frauen auf der Matte – mit dem Wunsch nach einer besseren Vertretung in politischen Gremien. Gesundheitschefin Heidi Hanselmann (SP) ist heute die einzige Frau in der siebenköpfigen St.Galler Regierung. Das Gremium war schon femininer: Mit Karin Keller-Sutter (FDP), Heidi Hanselmann und Kathrin Hilber (beide SP) regierten von 2004 bis 2012 drei Frauen mit. Die vierte Frau, die bislang den Sprung ins höchste politische Gremium im Kanton geschafft hat, war Rita Roos.

Esther Friedli könnte als fünfte Regierungsrätin in die Annalen eingehen. Die SVP schickt die Inhaberin eines Kommunikations- und Beratungsbüros und Partnerin von Parteipräsident Toni Brunner ins Rennen um den letzten freien Regierungssitz. Ein Freudentag für die Frauen? Begeisterung tönt anders, wie eine Umfrage bei Politikerinnen aller Couleur zeigt. Mit allzu viel Frauensolidarität kann Esther Friedli nicht rechnen.

«Nähe zum harten SVP-Kern»

Sie habe noch nie «Frauen um des Frauseins willen» unterstützt, sagt Vreni Wild, Kantonsrätin und Gemeindepräsidentin Neckertal. Eine Absage an die Frauensolidarität? «Die Solidarität unter Frauen funktioniert so oder so nicht – spätestens wenn es um Parteifragen geht.» Vreni Wilds Partei, die FDP, schickt erneut ihren Präsidenten Marc Mächler ins Rennen. Sie habe ihn im ersten Wahlgang unterstützt und werde dies auch im zweiten tun, sagt Vreni Wild. «Esther Friedli kenne ich weniger gut. Die Nähe zum innersten, harten SVP-Kern wirft für mich grosse Fragezeichen auf.»

Ähnlich tönt es bei Isabel Schorer, neu gewählte FDP-Kantonsrätin und Leiterin Standortförderung Stadt St. Gallen: «Grundsätzlich bin ich dafür, dass sowohl im Parlament als auch in der Exekutive Frauen und Männer in möglichst ausgeglichenem Verhältnis vertreten sind. Aber ich wähle niemanden ausschliesslich aufgrund seines oder ihres Geschlechts.» Sie unterstütze «voll und ganz» Marc Mächler.

Dass sich die beiden FDP-Frauen hinter den Kandidaten der eigenen Partei stellen, überrascht wenig. Wie tönt es bei anderen bürgerlichen Frauen?

Mühe mit raschem Parteibeitritt

Sie könne Esther Friedli die Stimme nicht geben, sagt die Waldkircher CVP-Kantonsrätin Vreni Breitenmoser, «obwohl eine Frauenkandidatur erwünscht ist.» Doch: «Das alleinige Argument <Frau> reicht nicht aus.» Es sei ihr auch nicht bekannt, dass sich Esther Friedli in der Vergangenheit «für irgendwelche Frauenanliegen stark gemacht» hätte.

Esther Friedli gehörte in jüngeren Jahren der CVP an, war dann einige Jahre parteilos und trat schliesslich am Vortag ihrer Kandidatur der SVP bei – eine «Überläuferin» wie die beiden SVP-Nationalratsmitglieder Barbara Keller-Inhelder und Thomas Müller. Spielt die verletzte CVP-Parteiseele bei der Beurteilung von Esther Friedli noch eine Rolle? «Ihren kurzfristigen Beitritt zur SVP – mit ihrem ursprünglichen CVP-Gedankengut – kann ich nicht goutieren. Die Vorstellung, dass sie als Partnerin des Schweizer SVP-Präsidenten und als ehemalige Mitarbeiterin des jetzigen SVP-Regierungsrates nun zusammen mit ihm in der Regierung sitzt, ist sehr speziell.»

CVP lud zum Hearing

Sie freue sich grundsätzlich über Frauenkandidaturen, sagt die neue Gamser CVP-Kantonsrätin Barbara Dürr. Sie habe während ihrer Zeit als Präsidentin der Bäuerinnen immer wieder Frauen ermuntert, sich für ein politisches Amt zur Verfügung zu stellen. «Allerdings hat sich zum Glück auch die Erkenntnis durchgesetzt, dass <Frau> allein als Argument für eine Wahl nicht ausreicht.» Sie kenne Esther Friedli nur «vom Sehen und aus den Medien – sie tritt ja kurzfristig ins Rampenlicht.»

Die CVP hat ihren Kandidaten Bruno Damann im Trockenen. Die Partei habe die Kandidatin und die Kandidaten am Dienstag zu einem Hearing eingeladen, sagt Yvonne Suter, CVP-Kantonsrätin aus dem Linthgebiet und Parteileitungsmitglied, nach der Unterstützung im zweiten Wahlgang gefragt. Die Beschlüsse würden noch diese Woche kommuniziert – «bis dahin sind wir gehalten, keine individuellen Statements abzugeben».

Auch die kantonale Frauenzentrale ist im Beratungsprozess. Sie werde noch diese Woche «das weitere Vorgehen zur Kandidatur Friedli» besprechen. Die Ausgangslage für den zweiten Wahlgang sei in der Tat spannend, sagt Geschäftsleiterin Jacqueline Schneider.

Die Grünliberalen verträten grundsätzlich die Meinung, Frauen seien in Wirtschaft und Politik noch immer untervertreten, sagt Co-Präsidentin Jacqueline Gasser-Beck. «Da Regierungswahlen aber in erster Linie Personenwahlen sind, stehen die Genderfrage und die Links-Rechts-Einordnung nicht im Vordergrund.» Zentral sei, welche Kandidatur die Anliegen der Grünliberalen am besten in der Regierung vertrete. Im ersten Wahlgang hatte die Partei Bruno Damann und Marc Mächler zur Wahl empfohlen.

Verzichtet SP auf Empfehlung?

Auch die SP entscheidet erst nächste Woche. «Es sieht aber so aus, als würden wir keine Parole für den zweiten Wahlgang fassen», sagt Monika Simmler, Parteipräsidentin und neu gewählte Kantonsrätin. «Wir haben unsere Vertretung gesichert. Wie die Bürgerlichen die Sitze unter sich aufteilen, da sind nicht primär wir gefragt.» Klar ist: Eine SVP-Empfehlung schliesst Monika Simmler aus – «egal mit welcher Kandidatur die Partei auch antritt». Und ebenso klar ist, dass die Sozialdemokraten «einen Rechtsrutsch der Regierung nicht begrüssen».

«Ein Glücksfall»

Naturgemäss ganz anders tönt es bei den SVP-Parteikolleginnen. Esther Friedli behalte auch in Stresssituationen den Überblick und handle besonnen. Sie könne grosse Informationsmengen in kurzer Zeit aufnehmen und verarbeiten, sagt die Gossauer SVP-Kantonsrätin Claudia Martin. Auch SVP-Nationalrätin Barbara Keller-Inhelder muss bei den Qualitäten von Esther Friedli nicht lange überlegen. Sie höre genau zu und handle klug. Sie sei eine ausgesprochen starke und gradlinige Frau. «Sie ist ein Glücksfall.»


Click: zum Artikel «Frau allein genügt nicht»

http://www.tagblatt.ch/4551391«Frau allein genügt nicht»

Der Verfasser des Artikels hat geschafft uns zum nachdenken anzuregen. Danke!

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